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Bad Birnbach

Anfang der siebziger Jahre standen einige Männer (heute wären sicher Frauen dabei...) auf einer Wiese nahe der Rott rund um eine Badewanne, in die sich in pulsierenden Stößen dampfend heißes Wasser ergoss; sie hatten sich für die Bohrung stark gemacht und inzwischen ein Gutachten in der Tasche, das ihnen wissenschaftlich bewies: dieses Wasser kam nicht nur aus 1.618 m Tiefe und war gut 70 Grad heiß, es hatte auch eine ganz ähnliche Zusammensetzung (und also Heilwirkung) wie im knapp zwanzig Kilometer entfernten Füssing, das inzwischen zum viel besuchten Bad Füssing geworden war.

Jetzt diskutieren sie in dieser friedlichen, niederbairischen Landschaft heftig darüber, dass man aus diesem Geschenk der Natur doch etwas Besonderes machen müsse. Aber was? Was rundherum entstand an auslaufender Wirtschaftswunder-Architektur, was gar in den benachbarten, vom Vorkriegsruhm zehrenden böhmischen Bädern an sozialistischen Scheußlichkeiten entstand, konnte kein Vorbild sein für die Entwicklung der kleinen Marktgemeinde zum Heilbad. Bis plötzlich der Satz fiel: Lassen wir doch die Kirche im Dorf ... bauen wir ein "Ländliches Bad"!

Gut gebrüllt, Löwe, dachten alle, aber wie sollte das aussehen, ein „Ländliches Bad“. Gab es so etwas schon irgendwo?
Es stellte sich heraus: natürlich nicht; denn noch immer verfolgte man im Bäderbau restaurative Gedanken, hatte noch nicht begriffen, dass die Freude am Wasser, das ungezwungene Freizeitvergnügen das traditionelle „Gesellschaftsbad“ längst abgelöst hatten. Viele Bäder hatten sich in neuen Ansätzen, mit neuen Namen und neuer Architektur versucht. Manche durchaus mit einigem Erfolg. Doch „ländlich“, also der Landschaft angepasst, war das alles nicht. Genau das, also die harmonische Integration in die gewachsene, bäuerliche Kulturlandschaft blieb die Birnbacher Prämisse. So war es nahe liegend, das einzige Institut in Deutschland, das dieses, eigentlich aus der Mode gekommene Wort „ländlich“ im Namen führte, mit der Gesamtplanung zu betrauen: Das Institut für ländliches Bauwesen an der TU München.

Ein Wunderkind? Ja, aber ein geplantes!
Heute, nach über fünfundzwanzig Jahren, wenn man am „Platz der Badewanne“ steht, die inzwischen einem zauberhaften, kleinen Quellentempel gewichen ist, und hinüberschaut auf die Rottal Terme mit ihren inzwischen drei Badeteilen (Gesundgarten, Erholungsbad und Vitarium) inmitten eines noch immer nicht dominanten, aber doch üppigen Kurgebietes mit Hotels, Sanatorien, Appartementhäusern und Pensionen, kommt einem das fast wie ein biblisches Wunder vor. Wie die Speisung der fünftausend aus einem Stück Brot, in diesem Fall aus einem kräftigen Heilwasserstrahl!
Schon wenige Monate nach Eröffnung der Rottal Terme im Juli 1976 war Birnbach – das „Wunderkind in der deutschen Bäderlandschaft“ – Studienziel von Städteplanern, Bäderarchitekten, Bürgermeistern und Kurdirektoren, nicht zuletzt von Redakteuren, Fernsehleuten und Journalisten.

Inzwischen hat Bad Birnbach (das Prädikat BAD kam bereits 1987 hinzu) gut viertausend Gästebetten, 2.150 qm Heilwasser-Fläche und ein Stammgästepotential, von dem andere nur träumen können. Der Erfolg hat dem Konzept „ländliches Bad“ über alle Erwartungen recht gegeben, wenn auch die Zeiten durch diverse „Gesundheits-Strukturreformen“ und allerlei Tohuwabohu in der Gesetzgebung und Bezuschussung von Kuren schwieriger geworden sind.
Durch geschickte Investitionen in zeitgemäße Badekultur, wie der HAUTcouture und dem Gesundgarten (2000/2001), sowie dem „Vitarium“ mit seinen Schönheits- und Pflegebädern und „hüllenlosem Baden“ bis in die Nacht (1995), wurden bereits günstige Voraussetzungen für eine weiterhin gedeihliche Entwicklung geschaffen. Zwar gibt es nach all den Jahren in Bad Birnbach immer noch Leute, die aus dem „Ländlichen Bad“ am liebsten ein Allerweltsbad mit Shoppingmall und verwegener Illumination machen würden, doch sie bleiben gottlob in der Minderheit. Zu groß ist der augenfällige Erfolg der einzigartigen Position Bad Birnbachs.

Die meisten und vor allem die, die mitgeholfen haben, aus Bad Birnbach das zu machen, was es heute ist, haben das Wundern nicht verlernt. Immer noch schauen sie gerne von den Hügeln des Rottals hinunter auf diese mächtig gewachsene, aber von keinem Hochhaus und keinem Beton-Silo verunstaltete, höchst wohlgelungene Anlage, wie sie selten und keineswegs selbstverständlich ist in unserer nach Internationalität und Globalität strebenden Zeit. Dass etwas, was so gut gedacht war, auch so gut bleiben konnte, das ist das Schönste an der schönen Geschichte vom „Ländlichen Bad“.

D-84364 Bad Birnbach
5580 Einwohner
www.bad-birnbach.de